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Narcocultura

Wenn man in Deutschland an Mexiko denkt, assoziiert man es sofort mit dem Drogenkrieg. Tatsächlich werde ich oft gefragt: „Ach du warst in Mexiko? Ist es da nicht sehr gefährlich?“ Und es ist wahr, die Präsenz der Drogenkartelle ist aus der mexikanischen Realität nicht mehr weg zu denken. Doch so schwierig das aus unserer deutschen Perspektive vorstellbar ist, wird in Mexiko nicht immer nur Negatives mit den Drogenbossen verbunden. Ja, sie bringen Gewalt über das Land. Viele Familien haben bereits einen Verwandten, Freund oder Nachbar im Drogenkrieg verloren. Deshalb gibt es auch eine große zivile Opposition, die sich in erster Linie für ein Ende der Gewalt einsetzt. Doch es gibt auch eine ganz andere Perspektive. Die Narcos (Drogenbosse) sind tief in der Gesellschaft verankert. Man darf sich das nicht so vorstellen, als seien sie auf der einen Seite und auf der anderen die Zivilisten oder gar die Politik. Alles ist miteinander verwoben. 

Mit ihrer aufsteigenden Macht festigen die Narcos ihren Einfluss. Dies geschieht besonders seit der Liberalisierung der Wirtschaft in den 90er Jahren. Sie brachte ungewollt auch eine Art Liberalisierung der Drogenkartelle mit sich, wobei dem Staat die völlige Kontrolle entglitt. Heute nehmen die Narcos eine vielseitige Rolle in der Gesellschaft ein. Für junge, perspektivlose Jugendliche sind sie oftmals Vorbild. Besonders in ärmeren Schichten sind die Aussicht auf schnelles Geld und ein gutes Leben, wie es die Narcos repräsentieren, verlockend. Mangels Perspektiven sind arme Jugendliche oftmals gewillt ins Drogengeschäft einzusteigen. Angst haben sie scheinbar nicht, oder zeigen sie nicht, denn das würde gar nicht in das vom Machismo geprägte Gesellschaftsbild passen. Allerdings kann auch für kleine Drogendealer die Karriere schnell blutig enden, im Streit der Narco-Clans um die Vorherrschaft.

Das habe ich am eigenen Leib erfahren, als sich die Stadt Cuernavaca, in der ich 2008/2009 lebte, ein Jahr später in ein Schlachtfeld verwandelte. Besonders in dem Viertel, in dem ich in einem Straßenkinderprojekt arbeitete, habe ich von meinen Freunden und Bekannten mitbekommen, dass reihenweise Schießereien und Ermordungen stattfanden. Meist traf es junge Kerle, die sicher keine großen Drogenbosse, sondern nur kleine Straßendealer waren. Und dennoch wird die Kultur der Narcos von manchen Leuten verherrlicht. Besonders im Norden, nahe der Grenze der USA und bei in den USA lebenden Mexikanern, gibt es einen Hang zu den „Narcocorridos“. Das sind die eigens für die Drogenbosse entworfenen Musikschlager. Sie singen von Macht, Einfluss und Gewalt, dem Geld und dem guten Lotterleben der Narcos. Einige Leute verurteilen deren negativen Einfluss auf die Gesellschaft nicht, im Gegenteil, sie streben ein ebensolches Leben an. Es gibt verschiedene Gründe, warum die Narcos sich mancherorts an Beliebtheit erfreuen. 


Manch einen mag ihre Macht und ihr Geld anziehen, andere sind ihnen dankbar für ihre guten Taten in der Gesellschaft. Denn nicht selten erkaufen sich die Narcos ihre Beliebtheit, besonders in Gegenden, in denen Staatsleistungen Mangelware sind. Ein neuer Sportplatz für die Jugend oder gar eine Schule, all das ist schon von Drogenbossen finanziert worden, wo der Staat zuvor versagt hat. Zudem ist es in Mexiko nicht so leicht zwischen richtig oder falsch zu werten. Man bedenke, dass ca. 60% aller Mexikaner im informellen Sektor arbeiten und damit mehr oder weniger illegaler Beschäftigung nachgehen. Das macht sie in meinen Augen keinesfalls zu Kriminellen, denn viele davon sind Tagelöhner, Hausmädchen oder Köche. Doch die Grenze zwischen richtig und falsch; legal und illegal ist schwammig und wo es wenig legale Perspektiven gibt, sucht man sich eben andere Auswege.


Richtig oder falsch ist auch im Glaubensbereich recht locker definiert. Um nicht auf die Vergebung der Sünden in der katholischen Kirche warten zu müssen, basteln sich die Drogenbosse in Mexiko ihre eigene Welt zurecht. Nicht nur gibt es eine Schutzheilige für alle Kriminellen in Mexiko, nämlich die „Santísima muerte“ (Die Heilige des Todes), sondern auch einen Schutzheiligen eigens für die Drogenbosse. „Jesús Malverde“ gilt der Legende nach als mexikanischer „Robin Hood“ zu Zeiten der Diktatur unter Porfirio Días. Er stammte scheinbar aus dem Bundesstaat Sinaloa, welcher noch heute eine Drogenhochburg ist und wo die ganze Geschichte der Drogenkartelle ihren Anfang fand. In Culiacán, der Hauptstadt Sinaloas gibt es eine eigene Kirche nur für „Jesús Malverde“ und seine Anbeter. Sie ist voll von Fotos der Menschen, die ihm für seine guten Gaben danken. Man findet dort z.B. ein Dankbarkeitsgebot für einen flotten Mercedes. 

Ein anderer bedankt sich, dass „Jesús Malverde“ ihm half aus dem Gefängnis zu entkommen. Aber auch normale Leute haben den Weg zum Heiligen der Narcos gefunden und danken ihm dort für ihr Glück. Dennoch soll nicht der Eindruck entstehen, die mexikanische Gesellschaft stünde hinter dem grausigen Tuen der Drogenkartelle. Ein großer Teil der mexikanischen Gesellschaft wehrt sich gegen ihre Macht und ihr gewalttätiges Vorgehen, doch Zivilgesellschaft und „Narco-Business“ sind heute untrennbar. Längst sind die Narcos in der legalen Wirtschaft aktiv und waschen ihr Geld in jeglichen Wirtschaftszweigen, die Mexiko zu bieten hat. Das Zimmermädchen in einem Hotel in Cancún arbeitet mit nicht allzu geringer Wahrscheinlichkeit für einen Narco. Man fragt sich auch, warum so viele Drogenbosse nie gefasst wurden, wo ihre prachtvollen Villen doch kaum zu übersehen sind. Man kann eine Verwicklung der Politik mit den Narcos nur vermuten. So schließt sich der Kreis und es wird deutlich, wie tief sie in der mexikanischen Gesellschaft Fuß gefasst haben. Wer soll sie auch besiegen, wenn nicht nur ihr eigener Heiliger, sondern auch die Politik sie schützt?

Beitrag von Anna-Lena Schmid (2015)


Welchen großen Einfluss die mexikanische Drogenkultur auf die Gesellschaft hat, weiß man wohl erst, wenn man es selbst einmal hautnah erlebt hat. Als kleinen Einblick findet Ihr hier einen Bericht über den Drogenhandel in Mexiko.